KI und kreative Arbeit
Seit September 2026 nehme ich an einem Kurs von academy4.ai teil. Er soll ein fundiertes Verständnis dafür vermitteln, wie sich KI praktisch, sicher und effizient einsetzen lässt, und zwar konkret im eigenen Führungsalltag oder im eigenen Unternehmen (oder in einem hypothetischen Szenario). In diesem Beitrag teile ich meine Gedanken zum Thema beziehungsweise zum Prompt, den die Kursleitung vorgegeben hat.
KI kann kleine Entscheidungen mit wenig Risiko erleichtern. Was gibt’s zum Abendessen? Sag ihr, was du noch im Kühlschrank hast, oder zeig ihr, was du soeben eingekauft hast. Schreib dazu dass du heute extrem wenig Geduld hast. Dass du für ein Kind mit Glutenunverträglichkeit kochst. Und: Tadaa! An einem vollen Tag ist gleich ein bisschen mehr Platz im Kopf.
Ein Kinderbuch braucht mehr Urteilsvermögen
Personalisierte Rezeptvorschläge können hilfreich sein. Bilderbücher für Kinder zu gestalten und zu veröffentlichen, ist eine ganz andere Baustelle. Dafür braucht es ein besonderes Maß an Urteilsvermögen. Im klassischen Verlagsprozess fängt das Lektorat Tipp- und Logikfehler ab. Es prüft auch, ob eine Geschichte aus Kindersicht Sinn macht, ob die Sprache zur Zielgruppe passt und ob Text und Illustrationen dieselbe Geschichte erzählen. Gerade wenn das Publikum noch lernt, die Welt zu verstehen, braucht es dafür Können und Verantwortungsbewusstsein.
Wenn heute jede*r mithilfe von KI innerhalb weniger Stunden ein Kinderbuch erstellen und digital veröffentlichen kann, fällt dieser wichtige Lektoratsprozess womöglich weg. Kinder könnten dadurch ungeprüften Inhalten begegnen. Als letzter Filter bleibt dann nur noch der Blick der (vom Arbeiten, Einkaufen und Kochen gestressten) Eltern.
Wenn KI das Publizieren ohne die üblichen redaktionellen Prüfungen einfacher und schneller macht, geht diese gewonnene Geschwindigkeit mit der Verantwortung einher, auf altersgerechte Qualität zu achten. Die kreative Arbeit, die hinter diesen Tools steckt, darf auch nicht vergessen werden: Autor*innen, Illustrator*innen, Lektor*innen und Designer*innen haben über Jahre hinweg Skills und Urteilsvermögen aufgebaut. Dass ihre Arbeit zum Training von KI genutzt wurde, ist bittere Ironie.
Die „Demokratisierung“ von Kreativität und Publizieren erzählt nur einen Teil der Geschichte
Man könnte argumentieren, dass KI kreatives Publizieren „demokratisiert“. Aber muss wirklich jede*r ein Kinderbuch veröffentlichen können? Selbst wenn die Person zuvor keine Minute darauf verwendet hat, über Kinderbücher nachzudenken und erst darauf kam, als sie gehört hat, dass sich damit Geld verdienen lässt? Berufe, Skills und ganze Laufbahnen, die echte Menschen über Jahre aufgebaut haben, werden verdrängt, weil irgendein Business-Bro darin eine lukrative Side-Hustle-Chance entdeckt hat und diese seinem online Publikum kundtut.
Niedrigere Hürden beim Publizieren können neue Stimmen ins Spiel bringen. Das kann grundsätzlich gut sein. Aber Zugang allein macht ein Buch nicht durchdacht, gut lektoriert oder passend für seine Zielgruppe. Muss wirklich jede*r ein (Kinder-)Buch veröffentlichen, nur weil es einfacher geworden ist oder jemand behauptet hat, damit lasse sich Geld verdienen?
Zwei Dinge können gleichzeitig stimmen: Publizieren kann zugänglicher werden, während kreatives Schaffen weiterhin Sorgfalt, kritisches Prüfen und Nachdenken verlangt.
Schneller ≠ besser
Ich arbeite seit vielen Jahren in der Kreativbranche und habe beobachtet, wie Designer*innen Kästchen auf Präsentationsslides hin- und herschieben, die banalsten Produktverpackungen retuschieren und digitale Werbebanner in immer neue Formate bringen. Oft dachte ich dabei: „Was für eine Talentverschwendung.“ Ein Teil dieser repetitiven Produktionsarbeit lässt sich mit besseren Tools tatsächlich gut unterstützen.
Sowie KI im Agenturalltag Einzug hält, sehe ich aber auch, wie Kund*innen immer mehr Arbeit erwarteten, noch schneller und günstiger, weil die Annahme bereits ist, dass KI doch alles beschleunigt und erleichtert (bei gleicher Qualität, versteht sich!). Wenn die gewonnene Zeit dazu führt, dass mehr Output für weniger Geld erwartet wird, bekommen die Menschen hinter dieser Arbeit nicht automatisch mehr Raum für durchdachte, kreative Arbeit. Stattdessen wächst die Warteschlange oder der Backlog, während zum Nachdenken und Prüfen noch weniger Zeit bleibt.
Gerade bei Text- und Bildgenerierung sollten wir im Hinterkopf behalten, wie KI funktioniert: Sie erzeugt im Grunde nur einen Durchschnitt aus dem, was bereits da ist. Wer also unüberlegt auf den KI-Kunst-Trend aufspringt, bekommt genau das: undurchdachte Gleichförmigkeit.
KI kann viel bieten. Wir brauchen trotzdem Menschen mit klarer Haltung, echtem Können und einem kritischen Adlerauge. Wir müssen mit Bedacht entscheiden, wofür wir das Werkzeug einsetzen und an welchen Stellen menschliches Urteilsvermögen den Ton angeben muss.
Quellen
Bild: „Grocery shopping spree…“ von Marawder ist lizensiert unter CC BY 2.0. Für eine Kopie dieser Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/?ref=openverse
Alles andere sind nur meine Gedanken 😉